Lyon

Lyon, die Hauptstadt des Genusses.

 

Ja, wie roi et reine, König und Königin saßen wir da, Repräsentanten einer Welt, wie sie nur noch Gala oder Grimmsmärchen kennen, Puzzleteile im Ravensburger, Püppchen eines Miniaturmuseums, die sich zwischen verzierten Armlehnen auf goldbestickte rote Polsterstühle, unter kristallinen Kronleuchtern gesetzt und die Ärmchen brav auf die festliche Tischdecke gelegt mit großen erwartungsvollen Augen anlächelten. Nur, dass es sich bewegte, dass man das goldberandete Porzellan mit den geschwungenen Initialen P. B. anheben konnte, dass der hochgewachsene Herr im Frack, mit seiner Fliege und dem schneeweißen Handtuch überm Arm tatsächlich Champagner in das Glas vor mir goss, mich fragte, ob er genehm sei und auf mein hastiges Nicken hin auch ihr Glas füllte. Sie trug ein rotes, langes Abendkleid, das, ohne überflüssigen Schnickschnack, die geforderte Etikette übertrumpfte, was natürlich vor allem an ihr lag. Ihre braunen Augen, das amuse geule und das zweite Glas Champagner auf meinen leeren Magen verdrehten mir den Kopf.

Es war ein warmer Spätsommerabend, mit dem Rad waren wir der Soane Richtung Norden, stadtauswärts die etwas mehr als 10 Kilometer gefolgt, vorbei am historischen St. Jean. Auf der anderen Seite leuchteten die spätmittelalterlichen Häuser an den Hängen, den Pentes de la Croix-Rousse, im warmen Rot der Abendsonne. Bis nach Collonges am Fuße des Mont d’OR. Auf unseren Tisch hatte ich ein halbes Jahr gewartet. Menu bourgeois, fünf Gänge sollten uns genügen, für zwei Personen, Montag 20 Uhr, es hatte bis zum letzten Moment eine Überraschung bleiben sollen, doch die Richtung unserer Radtour in Abendgarderobe verriet ihrem feinen Gespür für Gutes unser Ziel.

Die große Eichentür des wie ein Zirkus in grün, rot und orange bemalten Hauses mit den thronenden Neonlettern „PAUL BOCUSE“ wurde uns aufgehalten und voller Freude, Lust und Appetit tauchten wir ein in die elementarisierte Phantasie zweier merkwürdiger Stunden. Die Nervosität verflog mit dem Weißwein zum Hummersalat. Bei  der Rotbarbe waren wir schon in einer Art Trance und bemerkten kaum die musternden Blicke der reglosen Umsitzenden, die sich über diese junge, studentische Unverfrorenheit erregten, die es wagte tatsächlich Freude am Festmahle zu finden und dem Befrackten bereits nach dem zweiten Gange voller lauter Euphorie ihre Liebe für die Köche zum Ausdruck brachten. Als ich dann jedoch den 85er Margaux ablehnte und nach einem südfranzösischem Roten zu unserem „königlichem Hasen“ bat, waren die rüffelnden Nasen und die vernichtenden Blicke der den Saal füllenden Steifheit der lyoner Bourgeoisie nicht mehr zu ignorieren. Wir prosteten ihnen freundlich zu und als der Ober uns zu unserer Wahl, einem 99er Bandol, beglückwünschte, mischte sich zunehmend Milde, ja Erstaunen in die bitteren Gesichter.

Den Käse konnte ich kaum noch genießen und hielt mich also vor allem an den Süßwein zum Roquefort. Als uns allerdings nach einer glücklichen Weile und einem kleinen Calvados die betörende Auswahl an Schokoladengebäck, Cremes und Obsttartes präsentiert wurde vergaß ich endgültig jedes andere Gefühl als das Jubilieren meines Gaumens. Auch deswegen, konnte ich wahrscheinlich ohne Sorge meine Kreditkarte auf das kleine silberne Tablett legen, das mir der Ober zusammen mit einer freundlichen Spendenaufforderung über 400 Euro…Wieso sollte ich dir einen Bären aufbinden? Ich schob den kleinen Korb mit dem Küchenpapier und dem ungenießbaren Rest meines mit Fritten gestopften Kebabs beiseite, quetschte die Coladose zusammen, legte sie dazu, stieß auf und murmelte dabei ein „das hier ist ein unverschämter Preis“, und ließ klirrend meine letzten fünf Euro auf den schmierigen Plastiktisch fallen. Ich sah ihn an: „Und wenn, macht das einen Unterschied?“  

 

 

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2 Antworten

  1. Mir kommen in Dönerbuden nie Bilder von ordentlichen Speisen, gar Luxusrestaurants in den Sinn. Müsste dann auf der Stelle gehen.

  2. Der Wagen hielt vor einer ausnehmend düsteren und schmierigen Kneipe; Gregory führte seinen Begleiter rasch hinein. Sie setzten sich in einem engen und dunklen Zimmer an einen schmutzigen, einbeinigen Holztisch neben der Theke. Der Raum war so klein und dunkel, dass von dem herbeigerufenen Kellner nichts als eine verschwommene bärtige Masse zu erkennen war.
    „Ein Imbiss gefällig?“ fragte Gregory höflich. „Das Pâté de foie gras ist nicht gut hier, aber Wild kann ich Ihnen empfehlen.“
    Syme nahm die Bermerkung mit etwas ungläubigem Lächeln hin, da er dachte, es sei ein Spaß. Er ging auf den vermeidlich scherzhaften Ton ein und sagt in wohlerzogener Gleichgültigkeit: „Oh, bringen Sie mir doch eine Hummermayonnaise!“
    Zu seinem unbeschreiblichen Erstaunen sagte der Kellner nur: „Gewiss, mein Herr!“ und ging hinaus, offensichtlich, um die Bestellung zu besorgen.
    „Was wollen Sie trinken?“ fing Gregory wieder an mit der selben gleichgültigen Miene, als wolle er sich entschuldigen: „Ich selbst werde nur einen Pfefferminzlikör nehmen; ich habe schon gespeist. Aber zum Champagner hier darf man Zutrauen haben. Wollen Sie nicht wenigstens mit einer halben Flasche Pommery den Reigen eröffnen?“
    „Besten Dank“, sagte Syme, ohne mit der Wimper zu zucken. „Zu liebenswürdig von Ihnen.“
    Seine weiteren Versuche, die etwas zähe Unterhaltung in Fluss zu bringen, wurde schließlich wie durch einen Blitzstrahl abgeschnitten, als tatsächlich der Hummer aufgetragen wurden. Syme kostete ihn und fand ihn ausgezeichnet. So begann er rasch und mit großem Appetit zu essen.

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